Utopische Hoffnung in der Klimakrise
oder: Warum das Utopische der Apokalyptik überlegen ist
Von Philipp Bravos & Finn Callieri
I. Einleitung
Wir haben den Glauben an eine bessere Zukunft verloren. Die Zukunft als ein Ort, der, auch ungewissen, Neuerung, die Kraft und Hoffnung schenken kann; die Zukunft als wirkliche Zukunft ist mit dem Unplausibel-werden des modernen Fortschrittsversprechens verschwunden.
Genährt wird dieser Zukunftsverlust maßgeblich durch die unentwegt eskalierenden ökologischen Krisen. Seit Jahrzehnten wird versucht, mit den Bildern des Untergangs für ökologische Politik zu mobilisieren und damit die nötige Dringlichkeit des Handelns einzuklagen. Während Die Grünen etwa im Bundestagswahlkampf 2021 warnten, dass die kommende Regierung die letzte sei, die noch aktiv gegen die Klimakatastrophe handeln könne – „bevor es zu spät ist“ –, tragen Protestgruppen wie die „Letzte Generation“ oder „Extinction Rebellion“ die apokalyptische Finalisierung bereits im Namen.
Ganz im Gegensatz zur vormodernen Untergangsprophetie, etwa der christlichen Geschichtstheologie des Mittelalters, wird die gegenwärtige apokalyptische Erwartung von Tabellen und Computermodellen, Graphen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, kurz: von rationaler Prognostik getragen. Die unmissverständliche Botschaft eines Weltklimarats oder des Club of Rome: Diese Gefahr ist real, das Elend wird kaum erfassbar sein. Auf die Klimaapokalypse wird nicht Gottes Reich auf Erden, keine Erlösung oder Offenbarung folgen. Diese Apokalypse ist „kupiert”, wie Klaus Vondung sagt, sie ist um ihr erlösendes Danach beschnitten (Vondung 1988: 12). Nach ihr ist schlicht das Ende erreicht.
Und dennoch: Obwohl das apokalyptische Krisenbewusstsein mittlerweile tief verankert ist, richten sich unsere Gesellschaften in einer anhaltenden Nicht-Nachhaltigkeit ein und im Kampf gegen die ökologischen Krisen werden Mal um Mal die eigenen Ziele verfehlt (Blühdorn 2024; Beckert 2024). Erschrocken blicken wir in die Zukunft, aber, anstatt die nahende Apokalypse aufzuhalten, schließen wir die Augen lieber einfach wieder.
Wir wollen gegen die apokalyptischen Geschichtsbilder eines ökologischen Kollapses argumentieren. Wir glauben, dass gerade trotz der sich stetig verdunkelnden Zukunftsaussichten eine erfolgreiche Bewältigung der ökologischen Vielfachkrisen inhärent auf utopische Visionen angewiesen ist. Nur dann kann der so bitter nötige Befreiungsschlag für ökologische Politik endlich gelingen. Dafür wollen wir zuerst kurz umreißen, warum genau mit apokalyptischen Geschichtsbildern keine demokratisch-ökologische Politik zu realisieren ist. Anschließend soll das praktische emanzipatorische Potential von Utopien in den ökologischen Krisen aufgezeigt werden, um schließlich ein pragmatisches, demokratisiertes Utopieverständnis vorzuschlagen, das sich für ökologische Politik nutzen lässt.
II. Apokalypse ohne Ende
Was also ist das Problem mit der Apokalypse in der Mobilisierung für ökologische Politik? Es erscheint doch zunächst intuitiv richtig, den Menschen die bereits eingetretenen und drohenden Konsequenzen unserer zerstörerischen Lebensweise vor Augen zu führen, um sie zum Handeln zu bewegen. Deshalb verwundert es nicht, dass auch einer der prominentesten Vertreter des ökologischen politischen Denkens, Bruno Latour, diesen Weg für sein Denken wählte. Sein Denken soll uns hier als exemplarischer Fall für einen ökologischen Politikansatz im Geiste der Apokalypse gelten.
Latour argumentiert, dass wir erst durch den Glauben an die Apokalypse den Weg in eine ökologische Gesellschaft beschreiten können. Das Bewusstsein, der Natur ausgeliefert zu sein und durch Umweltkatastrophen zugrunde zu gehen, erlaube es dem Menschen nicht mehr, sich der Natur überlegen vorzustellen. Nach einer langen Phase der Entfremdung von der Natur, in der wir uns zu Quasi-Göttern der Erde aufgeschwungen hätten, sei der Glaube an die Apokalypse also der einzige Weg zurück auf den Boden (Latour 2020).
Die demokratisch-ökologischen Kräfte, die sich im Angesicht des Untergangs zusammenfinden, bildeten hingegen den ökologischen Katechon, der die Apokalypse aufhält. Der Katechon ist eine Figur aus der christlichen Eschatologie (Endzeitlehre), die eine untergeordnete Rolle in der Bibel spielt. (Sie findet nur kurz im zweiten Brief des Paulus’ an die Thessalonicher Erwähnung.) Für Latour aber kehrt mit dem Anthropozän „die große Frage des katechon zurück“ (2021: 85), wobei anders als in der christlichen Eschatologie das Ende der Zeit nicht als etwas Erhofftes vor uns liegt, sondern, indem wir die ökologische Apokalypse bereits zu erleben begonnen haben, hinter uns.
Anders ausgedrückt: Wir müssen alles ändern, damit die Erde so bleiben kann, wie sie ist. Hier invertiert die Geschichtsphilosophie des Fortschritts, ihre Vorzeichen kehren sich um, wie der Soziologe Ulrich Bröckling (2024) sagt. Das ist das historisch Neue an unserer Situation: Während apokalyptisch-katechontische Geschichtsbilder stets bei den Gegnern des Fortschritts und der Demokratie zu finden waren, sollen sie jetzt den Horizont demokratisch-ökologischer Politik darstellen. Überleben als Fortschritt, Rückkehr als Befreiung.
Allerdings ermöglichen diese Bilder der ökologischen Apokalypse nicht die Transformation, auf die sie abzielen, sondern stehen in einem Spannungsverhältnis zu ihren eigenen Ansprüchen. Das bedeutet nicht, dass Apokalyptik keinerlei mobilisierende Funktion erfüllen kann und nichts zu bisherigen Transformationserfolgen beigetragen hätte. Vielmehr soll das Aufzeigen der Probleme, die mit einer solchen Zukunftserzählung einhergehen, die Eignung des apokalyptischen Denkens für das längerfristige Projekt ökologischer Transformation grundlegend infrage stellen. Auf drei Gründe hierfür wollen wir eingehen.
Geschichtsbilder der ökologischen Apokalypse sind immanent gegenwartsbezogen. Sie können keine wesentlich anderen, neuen Welten imaginieren als die bestehende Welt und eben deren Untergang. Das, was schon ist, soll bleiben – das ist das zentrale Versprechen aller katechontischen Politik. Apokalyptik führt zu einer imaginativen Verengung, weil bloß noch die Rettung oder der Untergang möglich sind – für ein Drittes gibt es keinen Platz. Alles, jede Maßnahme, jeder Schritt, jede Politik scheinen immer ungenügend, wenn sie es nicht schaffen, den Status quo gegen den Fortgang der Geschichte zu immunisieren.
Dieses Denken verstrickt sich dabei in einen Widerspruch, denn die gegenwärtige Gesellschaft muss sich radikal ändern, will sie den ökologischen Anforderungen gerecht werden. Aber wohin und wie eigentlich, wenn neben dem Status quo nur der Untergang vorstellbar ist? Alles soll vor Veränderung geschützt werden, und gleichzeitig muss sich alles ändern.
Apokalyptische Geschichtsbilder können somit gerade nicht die normativen Ressourcen und Motivationen hervorbringen, die zur Bewältigung der ökologischen Krisen notwendig sind. An die Stelle des nötigen emanzipatorischen Aufbruchs tritt eine, bestenfalls hellgrün angestrichene, ewige Verlängerung des Status quo. Es verwundert insofern nicht, dass Die Grünen oder die „Letzte Generation“ den drohenden Totalkollaps – „bevor es zu spät ist“ – mit minimalinvasiven Eingriffen wie einem Tempolimit, dem Umstieg auf erneuerbare Energien oder der Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets aufhalten wollen. Grundlegende normative Veränderungen werden blockiert, obwohl sie immer dringender notwendig werden. Die apokalyptisch freigesetzten Handlungsenergien beschränken sich auf die Aufrechterhaltung einer Gesellschaft, deren Frist abläuft (Staab 2025).
Im gleichen Zug ermöglicht ein apokalyptisches Geschichtsdenken auch immer eine Entlastung von den Herausforderungen der Gegenwart. Wenn die Welt ohnehin untergehen wird, können wir auch weitermachen wie bisher. Indem die Apokalypseerzählung ein Ende beschwört, das kommen wird, wenn wir nicht sofort radikal handeln, bestätigt sie sich fortlaufend selbst – weil ja gar nicht klar ist, was dieses radikale Handeln sein soll. Ulrich Bröckling bringt es auf den Punkt: „Die fortwährende Antizipation des Schreckens trainiert den Fatalismus seiner Unausweichlichkeit. Wenn die Kluft zwischen dem Notwendigen und dem Möglichen ohnehin nicht zu schließen ist, […] kann man getrost darauf verzichten, es überhaupt zu versuchen“ (Bröckling 2023). Dadurch kommt es nahezu zwangsläufig zu einer narrativen Abstumpfung und Immunisierung bei den Menschen, zumindest im Globalen Norden. Letztlich ermöglichen und erlauben diese Narrative eine willkommene Fortsetzung der Gegenwartsgesellschaft angesichts der Schrecken der Zukunft. Man richtet es sich gemütlich ein im Untergang, getreu dem Motto: Nochmal ein paar fette Jahre, bevor alles schlechter wird. Dabei klammert man sich krampfhaft an dem fest, was schon bald verschwinden wird.
Schließlich stehen Apokalyptik und Demokratie in einem tendenziellen Spannungsverhältnis. Apokalyptischen Geschichtsbildern ist eine konservativ-autoritäre Tendenz inhärent, die in Neuem eher eine Bedrohung als eine Chance sieht. Das ist nicht per se undemokratisch, verengt aber die Möglichkeiten demokratischer Pluralität und Kontestation, die maßgeblich auf die Vorstellbarkeit und mögliche Realisierung alternativer Zukünfte angewiesen sind. Mit ihrer ungeduldigen präapokalyptischen Glut des Jetzt-oder-nie und dem ewigen „Keine Zeit“ trägt die Apokalypse eher zur Legitimation autoritären Regierens als demokratischer Beratschlagung sowie zeit- und ressourcenintensiven Zusammenhandelns nahe.
In Demokratien provoziert die ökologische Apokalyptik dadurch unentwegt Antworten, die sie nicht wollen kann. Neben dem normativen Eigenwert demokratischer Selbstregierung ist die tendenzielle Unverträglichkeit von Apokalyptik und Demokratie im Kontext der ökologischen Krisen in mindestens zwei Hinsichten besonders problematisch. Zum einen ist die ökologische Transformation moderner Gesellschaften auf demokratische Legitimation grundlegend angewiesen. Da es umfassende Veränderungen unserer Lebensweise braucht, hängt der Erfolg einer ökologischen Wende entscheidend von dem Willen und der Bereitschaft der Bürger:innen ab, an dieser Veränderung teilzunehmen. Eine Klimadiktatur wäre zwar eine konsequente Antwort auf die Forderung nach dem ökologischen Katechon (Liu 2026), ist aber weder in demokratischer noch ökologischer Hinsicht wünschenswert.
Zum anderen verfügt die Demokratie über einen epistemischen Vorsprung, also einen Wissensvorteil, in der Bewältigung der ökologischen Krisen. Die zumindest ideale Anfechtbarkeit der bestehenden Ordnung, die Vielstimmigkeit demokratischer Partizipation und die Herrschaftsfreiheit des Diskurses begünstigen strukturell innovative, experimentelle und kreative politische Antworten auf neue Herausforderungen. Dieser gerade in der ökologischen Wende so zentrale Diskurs wird erstickt, wenn die Gegenwartsfixierung jede Kreativität und Neuerung erstickt.
Die Herausforderung besteht also darin, sich den Katastrophen der Gegenwart und Zukunft ernsthaft zu stellen, ohne in einen apokalyptischen Fatalismus zu verfallen – der, wie wir gesehen haben, lähmt, basale normative Veränderungen erschwert und tendenziell undemokratisch ist. Die Apokalypsepolitik blockiert den demokratisch-ökologischen Wandel, den sie beabsichtigt. Unsere Gesellschaften werden lediglich blind für die ökologischen Anforderungen des Heute, nur scheinbar entlastet von den Herausforderungen, die ihnen bevorstehen, und gelähmt von der überwölbenden Größe des nahenden Endes.
III. Utopien: Eine andere Art, die Zukunft zu erzählen
Also muss nach einer anderen Art gesucht werden, die Zukunft in Bezug auf die ökologische Krise zu erzählen; nach einer Zukunftserzählung, die den Fallstricken der Apokalyptik ausweicht und für die erfolgreiche Transformation der Gesellschaft vielversprechender ist. Diese Suche führt zur Utopie.
Wenn wir im Folgenden von utopischem Denken sprechen, dann ist damit eine bestimmte Art des Umgangs mit politischen und gesellschaftlichen Problemen gemeint – eine Methode des politischen Denkens. Die Rede von Utopien meint hingegen das Ergebnis dieses Denkens: konkrete Vorstellungen einer anderen, wünschenswerten Gesellschaft der Zukunft.
Zunächst soll, indem die prominenten Vorbehalte gegenüber utopischem Denken aufgegriffen werden, ein Utopieverständnis vorgeschlagen werden, das diesen Vorbehalten begegnet, um im zweiten Schritt auf seine Potenziale für die Bewältigung der ökologischen Krise hinzuweisen.
3.1. Realitätsfremde Luftschlösser
Die abwinkende Redewendung, etwas sei „utopisch“, dient meist dazu, Vorstellungen von gesellschaftlichen Alternativen zu diskreditieren. Darin schwingt mit, Utopien seien etwas, das man sich vielleicht wünschen kann, das aber mit der Realität nur sehr wenig zu tun habe und deshalb einfach nicht umsetzbar sei.
Die Tradition der Realen Utopien (Wright 2020) oder Realistischen Utopien (Rawls 2001) schlägt ein Verständnis utopischen Denkens vor, in dem die Beziehung zur Welt, wie sie uns gegenwärtig wirklich erscheint, eine besondere Rolle einnimmt. Erik Olin Wright schlägt drei Kriterien für utopisches Denken vor, mit denen dem Vorbehalt der Realitätsfremde effektiv begegnet werden könne: Wünschbarkeit, Gangbarkeit und Erreichbarkeit (Wright 2020: 63). Wir machen uns diese Kriterien für unser Verständnis utopischen Denkens zu eigen, weshalb sie hier kurz ausgeführt werden sollen.
I. Wünschbarkeit
Utopisches Denken beginnt immer mit einer Gegenwartsbeobachtung. Der Ausgangspunkt utopischen Denkens ist die Kritik an der Gegenwart, wie sie uns wirklich erscheint. In unserer Kritik ist dabei immer auch ein normatives Ideal enthalten, dessen Verfehlung den Status quo erst kritikwürdig erscheinen lässt. Das, was in der Analyse der Gegenwart als verneint aufgefunden wird, ist zugleich das Wünschenswerte, das Ideal, das in der Utopie bejaht wird.
II. Gangbarkeit
Das allein macht Utopien aber noch nicht zu ernstzunehmenden politischen Vorschlägen. Können wir denn wirklich so leben, wie wir es uns wünschen? Hier kommt eine zweite Ebene der Analyse ins Spiel, die sich mit den Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft auseinandersetzt, oder – anders formuliert – mit den in ihr angelegten, utopischen Potenzialen. Ein erster Ansatzpunkt liegt in den historischen Kontingenzen, die uns bewusstwerden, wenn wir betrachten, auf welche Art und Weise unsere Gesellschaft in der Vergangenheit bereits anders gewesen ist. Wichtig dabei: Utopisches Denken zielt nicht darauf ab, die Vergangenheit wiederzubringen, sondern historische Andersartigkeiten als Inspiration für die Vorstellung zukünftiger Alternativen zu begreifen. Den Möglichkeitssinn zu schulen.
Ebenso lassen sich utopische Potenziale in den Randzonen der Gegenwartsgesellschaft ausfindig machen. Dort, wo Menschen schon jetzt anders leben, als der Großteil unserer Gesellschaft – in den Subkulturen, bei den Marginalisierten und überall dort, wo alte Lebensformen überdauern oder mit neuen experimentiert wird. Utopisches Denken schöpft diese Andersartigkeiten für die Vorstellung gangbarer Alternativen aus und betrachtet sie als praktische Vorgriffe auf andere Gesellschaften der Zukunft.
III. Erreichbarkeit
Es gibt genug Vorstellungen der Zukunft in Filmen oder Büchern, die den genauen Weg von der heutigen Gesellschaft hin zu jener, die sie darstellen, nur vage andeuten oder gänzlich auslassen. Das heißt nicht, dass sie uns nichts über die utopischen Potenziale unserer Gesellschaft zu sagen hätten. Im Gegenteil, sie entwickeln als Inspiration oder Mahnung oft genug eine erhebliche kulturelle Prägekraft. Doch käme gleichzeitig niemand auf die Idee, sie unvermittelt als einen politischen Vorschlag zu betrachten. Damit dies möglich wird und Utopien in den politischen Diskurs einfließen können, muss eben auch dem dritten Kriterium Genüge getan werden: der Erreichbarkeit.
Überlegungen zur Erreichbarkeit anzustellen, bedeutet aber keinesfalls, einen lückenlosen Fahrplan für die Zukunft entwerfen zu müssen. Das kann ohne hellseherische Fähigkeiten nicht gelingen. Vielmehr geht es an dieser Stelle darum, sich mit den erwartbaren Hindernissen und Konflikten, den inhärenten Widersprüchen sowie den möglichen ersten Schritten zu beschäftigen. Jede Vorstellung einer alternativen Vermögensverteilung beispielsweise wird nicht umhinkommen, den Eigentumskonflikten, mit denen ihre Verwirklichung unausweichlich verknüpft ist, ins Auge zu blicken. Und jede noch so unambitionierte Vision der Zukunft bleibt auf ewig unerreichbar, wenn es nicht möglich ist, sich einen ersten Schritt des Weges ihrer Verwirklichung vorzustellen.
3.2. Totalitäre Planungsfantasien
Eine zweite prominente Kritik charakterisiert Utopien als totalitäre Planungsfantasien und wirft ihnen sowohl vor, individuelle Freiheit zu ersticken, als auch, in ihrer Verwirklichung notwendigerweise von Gewalt und Terror begleitet zu werden (Herold 2020: 70-73, 83). Eine schwere Anklage, am nachdrücklichsten formuliert in den Schriften liberaler Theoretiker während des Kalten Krieges.
Dieser Vorwurf setzt bei der problematischen Verbindung von Utopien und Geschichtsphilosophie an. In dieser Verbindung erhalten Utopien den Anstrich geschichtlicher Notwendigkeit – einer Zukunft, die nicht mehr nur noch wünschenswert ist, sondern deren Verwirklichung indiskutabel ist und erfolgen muss. Diese geschichtliche Notwendigkeit heiligt auf ihrem Weg alle Mittel. Widerspruch und Widerstand müssen mit derselben Notwendigkeit zermalmt werden, mit der die Utopie eintreten muss. Gleichzeitig ist die Utopie selbst geschichtslos. Nach ihr kann keine weitere Entwicklung, keine erneute Revision stattfinden – denn sie selbst ist der Endpunkt aller bisherigen Geschichte.
In einer Demokratie, in der die Mitbestimmung aller Bürger:innen in politischen Fragen auf Dauer gewährleistet sein soll, darf die Gestaltung der Zukunft aber niemals final entschieden und damit dem öffentlichen Diskurs endgültig entzogen werden (Habermas 2023: 371). Dadurch entsteht für das demokratische, utopische Denken – wie wir es vorschlagen – ein Spannungsfeld. Einerseits konkretisiert es sich in Utopien, die immer nur ein bestimmtes Bild der Zukunft umfassen können und dadurch gleichzeitig andere Zukünfte ausschließen. Andererseits muss es anfechtbar sein, wenn es demokratisch bleiben soll. Für Maeve Cooke liegt die Antwort auf dieses Spannungsfeld darin, dass utopisches Denken sich immer als fehlbar verstehen muss, weil es als Kritik an einer bestimmten Gegenwart, wie sie von bestimmten Menschen in einer bestimmten historischen und geografischen Lage erfahren wird, selbst situiert und damit kontingent ist (Cooke 2004: 421-422). Keine Utopie kann (und darf) daher je einen glaubhaften Anspruch auf Endgültigkeit erheben.
IV. Was Utopien leisten
Damit sollte die Ehre utopischen Denkens weitgehend gerettet sein. Doch bleibt die Frage unzureichend beantwortet, wozu wir Utopien denn nun genau brauchen. Warum sind Utopien für uns relevant? Weil utopisches Denken für demokratische Politik – in vielerlei Hinsicht für Politik überhaupt – unverzichtbar ist. Denn utopisches Denken beruht auf einer offenen und gestaltbaren Zukunftsvorstellung, wodurch politische Anstrengungen überhaupt erst einen Sinn gewinnen. Politik ist erst sinnvoll möglich, wenn die Zukunft als Raum von Veränderungen erscheint, an denen wir etwas ausrichten können. Und zugleich wird sie nötig, wenn die Zukunft keiner Vorsehung folgt, keinem Automatismus, sondern im Schlechten wie im Guten davon abhängt, wie wir handeln und entscheiden.
Wir müssen den Einfluss auf die Zukunft, den wir uns zuschreiben, aber auch nutzen wollen. Niemand wird einen Finger krümmen, der oder die sich nur vorstellen kann zu scheitern oder sogar Schaden anzurichten. Eine Verbesserung, ein Gelingen, ein positiver Einfluss müssen vorstellbar sein, damit wir handeln (Barbehön 2023: 182-183) – auch wenn dieser Einfluss für uns in der Zerstörung und Überwindung von Schlechtem liegen mag. Diese Vorstellung einer möglichen gesellschaftlichen Verbesserung, die durch unser Handeln zustande kommt, leistet das utopische Denken. In diesem Sinne sind der Begriff von Politik und das utopische Denken untrennbar verbunden.
Das utopische Denken ist jene Denkform, die dem politischen Umgang mit Krisen angemessen ist. Das heißt, insofern wir sie lösen wollen und nicht davon ausgehen, dass sie sich selbst lösen. Die apokalyptische Lähmung in unserer Klimapolitik wird durch utopisches Denken eben dadurch umgangen, dass es seinen Ausgang in einer Problematisierung des Status quo nimmt, anstatt diesen zum höchsten zu verteidigenden Gut auszurufen. Weil der Klimawandel eine Folge der Lebensweise unserer Gegenwartsgesellschaft ist, kann die Lösung nur in der Überwindung, nicht in der Bewahrung liegen. Bewahren können wir nur den Zustand, der für die Krise, die wir erleben, verantwortlich ist. Wir sind also förmlich gezwungen, utopisch zu denken.
V. Utopien in der Klimakrise
Was bedeutet es, in der Klimakrise utopisch zu denken? Gibt es grüne Utopien? Angela Kallhoff und Eva Liedauer drücken es in ihrem Begriff von Greentopia wie folgt aus:
„[…] greentopia is a way of rethinking human-nonhuman coexistence in a way that emancipates itself from the status quo by juggling the reconciliation of hope and realism in one or another, possibly even paradoxical ways.“ (Kallhoff & Liedauer 2024: 5)
Im Kern stellt Greentopia also die Verbindung utopischen Denkens mit der Frage nach alternativen Lebensformen dar, in denen die Verhältnisse zwischen dem Menschen und seiner nicht-menschlichen Umwelt auf Basis der ökologischen Kritik an der Gegenwart neu gedacht werden. Die Ergebnisse dieses Denkens sind Bilder einer künftigen Gesellschaft, die durch ihr verändertes Verhältnis zur Umwelt nicht mehr dieselben ökologischen Probleme hervorbringt, die unsere Gegenwart kennzeichnen. Greentopia übersteigt den Rahmen wissenschaftlicher Kritik gerade durch das Ausbuchstabieren dieser möglichen, zukünftigen Verhältnisse. Wer in grünen Utopien denkt, bleibt eben nicht bei der Kritik an der Gegenwart stehen. Die künftige Gesellschaft und nicht die Bewahrung des Status quo bildet dann den politischen Ausgangspunkt der Transformation. Grüne Transformation bedeutet in diesem Geiste, sich auf ein Ziel einzulassen, das ganz anders aussieht als das Heute. Danach zu streben, erfüllt von Sehnsucht nach dieser besseren Welt.
Nun mag die Verbindung von Klimakrise und Utopie aus guten Gründen kontraintuitiv erscheinen. Die Folgen des Klimawandels werden für den Menschen und zahllose andere Arten mit enormen Verlusten verbunden sein. Kann es im Angesicht dieser unbestreitbaren Verluste utopisches Denken geben?Ja. Denn Utopien sind kein Schlaraffenland, in dem alle Sorgen vergessen und alle Probleme des Menschen gelöst sind. Die Klimafolgen sind da – auch im utopischen Denken. Aber die Verluste sind nicht mehr das einzige, das in der Zukunft auf uns wartet. Wir versöhnen, indem wir in grünen Utopien denken, die Erwartung von Verlusten mit der Hoffnung auf eine in ökologischer Hinsicht bessere Gesellschaft. Dabei umfasst die Hoffnung das Erreichen von Verhältnissen, in denen keine neuen ökologischen Probleme entstehen, aber ebenso das Erreichen eines Zustands, in dem wir gelernt haben, mit den Verlusten durch Klimafolgen besser umzugehen, mit ihnen zu leben. Mit dem utopischen Denken halten wir an der Überzeugung fest, dass es (auch) besser werden kann, und weil es das kann, wir darauf hinarbeiten müssen.
Schließlich gelangen wir zu dem, was wir utopischePraxis nennen. Damit ist die praktische Anwendung der utopischen Denkmethode gemeint, die bis hierhin skizziert wurde. In Analogie zu Jacques Rancières Begriff der Emanzipation bedeutet dies, „[…] durch Taten und Tatsachen zu beweisen, dass es neue Möglichkeiten des Denkens und Tuns gibt, neue Weisen des Zusammenseins“ (Rancière & Wald Lasowski 2025: 95). Es ist eine künstlerische, kreative Praxis. Denn wie ein:e Künstler:in vor der Leinwand muss ich neue Bilder des Lebens schaffen. Die Alternativen, von denen ich denke, dass es sie bräuchte, muss ich ausbuchstabieren, ausmalen, sie denkbar und erfahrbar machen. Das erfordert nicht zuletzt ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft und politischer Kreativität. Die Allianzen, in denen sich künstlerisches Schaffen, wissenschaftliche Analyse und politisch-aktivistische Praxis zu dieser politischen Kreativität verbinden, müssen noch geschmiedet werden. Am Anfang dieser Anstrengung steht der gemeinsame Glaube an eine bessere Welt und die Weigerung zu akzeptieren, dass es schlechter wird. Ein Teil der Utopie realisiert sich bereits darin. •
// Dieser Aufsatz basiert auf einem Vortrag, den die beiden Autoren im April 2026 im Rahmen der öffentlichen Vortragsreihe ,Philosophie für alle‘ an der Humboldt Universität zu Berlin gehalten haben. \\
Literatur
Barbehön, M. (2023) Zeichen der Zeit: Umrisse einer politischen Theorie der Temporalität. Frankfurt: Campus Verlag.
Beckert, J. (2024) Verkaufte Zukunft: Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Berlin: Suhrkamp.
Blühdorn, I. (2024) Unhaltbarkeit: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Berlin: Suhrkamp.
Bröckling, U. (2023) „Untergang als Argument. Politiken der Apokalypse.” Soziopolis, 13. September. https://www.soziopolis.de/untergang-als-argument.html.
———. (2024) „Invertierte Zukunft. Apokalypse ohne Eschaton.“ Vortrag auf der Tagung Auserzählt. Narrative vom Ende und das Ende der Narrative am Hamburger Institut für Sozialforschung, 28.–30.11.2024.
Cooke, M. (2004) „Redeeming Redemption: The Utopian Dimension of Critical Social Theory.“ Philosophy & Social Criticism, 30(4), S. 413–429. https://doi.org/10.1177/0191453704044026.
Habermas, J. (2023) Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. 8. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Herold, E. (2020) Utopien in utopiefernen Zeiten: Zukunftsdiskurse am Ende der fortschrittlichen Moderne. Göttingen: Wallstein Verlag.
Kallhoff, A. und Liedauer, E. (Hrsg.) (2024) Greentopia: Utopian Thought in the Anthropocene. 1st ed. Cham: Springer International Publishing AG.
Latour, B. (2020) Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp.
———. (2021) „Über eine klare Umkehrung des Endzeitschemas.“In: Endzeiten. Apokalypse – Eschatologie – Risiko, hrsg. von Urs Büttner und Steffen Richter, S. 69–85. Hannover: Wehrhahn.
Liu, Jeffrey Tongxi (2026) „Climate Katechon Politics: Carl Schmitt in Narratives of the Environmental Crisis.” Theory, Culture & Society, 0(0). https://doi.org/10.1177/02632764251399781.
Rancière, J. und Wald Lasowski, A. (2025) Emanzipation denken: Gespräch mit Aliocha Wald Lasowski. Deutsche Erstausgabe. Wien: Passagen Verlag.
Rawls, J. (2001) Justice as Fairness: A Restatement. Harvard University Press. https://doi.org/10.2307/j.ctv31xf5v0
Staab, P. (2025) Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.
Vondung, K. (1988) Die Apokalypse in Deutschland. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Wright, E.O. (2020) Reale Utopien: Wege aus dem Kapitalismus. 3. Auflage. Berlin: Suhrkamp.