Gründungsmanifest

Forum Politische Kreativität e.V.

I. 

Am Anfang steht die Weigerung, das Ende einer besseren Zukunft zu akzeptieren. Denn der Glauben an die Möglichkeit des Fortschritts ist die Bedingung der Möglichkeit von Emanzipation.

Die Zukunft ist bloß deswegen von Bedeutung für uns, weil ungewiss ist, was sie bringen wird. Wäre sie eine bloße Verlängerung der Gegenwart oder schlechthin die Wiederholung der Vergangenheit, verlöre die Zukunft ihr Wesensmerkmal: Sie ist das, was noch nicht war oder ist, sondern erst sein wird. Die strukturelle Unverfügbarkeit der Zukunft lässt das Kommende zu einer Quelle von Sorgen, Ängsten und Befürchtungen werden; genauso aber ist die Zukunft, indem sie ungewiss ist, ein Ort des Unwahrscheinlichen und der Hoffnung, unsere Wünsche und entlegenen Vorstellungen Realität werden zu lassen.

Während unsere Gesellschaft über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Zukunft hoffnungsvoll erwartete und sich mit dem Rückenwind der Geschichte im Begriff eines auf lange Sicht immerwährenden Fortschritts wähnte, klammert sie sich heute mit sorgenvollem Blick in die Zukunft an die Reste einstigen Fortschritts in unserer krisengeplagten Gegenwart. Unter diesem Eindruck konkurrieren politisch einerseits ihrem Selbstverständnis nach progressive Kräfte, die eine möglichst anhaltende Verlängerung der Gegenwart versprechen, mit rechten, neofaschistischen Kräften, die gar ein Zurück in der Zeit in nostalgisch-verklärender Geste anpreisen. Kurzum: Die Zukunft als ein Ort der ungewissen Neuerung, die Kraft und Hoffnung schenken kann, ist mit der Überholung des modernen Fortschrittsversprechens aus unserer Gegenwart verschwunden.

Die Folgen sind dramatisch. Im Verlust von Zukunft liegt der Hauptgrund der Krise liberaler Demokratien, die wir überall in Europa und Nordamerika beobachten. Die Visions- und Utopielosigkeit der Gegenwart und das Verschließen der Zukunft als eine kollektiv gestaltbare gemeinsame Geschichte lässt sich auf mindestens fünf strukturelle Krisenphänomene der spätmodernen Gesellschaft zurückführen: 1) Die unentwegt eskalierenden ökologischen Krisenwie Erderwärmung und Artensterben schränken bereits heute Handlungsräume maßgeblich ein, drohen aber zukünftig die natürlichen Lebensgrundlagen in weiten Teilen der Erde in einem Maße zu verwüsten, dass einst biblische Bilder der Apokalypse erschreckende Plausibilität gewinnen. Genährt wird diese Aussicht durch den Umstand, dass moderne, kapitalistische Gesellschaften in ihrer unbedingten Angewiesenheit auf ökonomisches Wachstum sich als (bislang) unfähig erweisen, den Herausforderungen ökologischer Politik allein im Ansatz gerecht zu werden. 2) Mit dem flächendeckenden Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer politischer Kräfte, der großen Entscheidungsmacht einzelner Unternehmen und der Dominanz der (internationalen) Märkte sowie der breiten Enttäuschung geweckter Hoffnungen auf Beteiligung und Mitbestimmung sind die liberalen Demokratien von innen unter Druck und in eine veritable Legitimationskrise geraten, deren Ausgang mehr als ungewiss scheint. 3) Dazu tritt eine neue internationale Unordnung und das Ende einer auf Frieden zielenden Geopolitik rund 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die liberalen Demokratien sehen sich somit im Zuge des Erstarkens autoritärer Staaten auch durch Angriffe von außenkonfrontiert, während dem Völkerrecht nunmehr bloß noch rhetorische Relevanz zuzukommen scheint und die Idee eines befriedeten Erdballs erneut in unerreichbare Ferne gerückt ist.  4) Auch auf der individuellen Ebene erlebt die spätmoderne Gesellschaft eine scheinbar kaum zu überwindende Krise, die das Panorama einer Polykrise ergänzt und vertieft: Nicht zuletzt aufgrund der gesamtgesellschaftlich krisenhaften Entwicklungen steigen seit mehreren Jahren die Zahlen psychisch erkrankter Menschen an, wobei insbesondere Depressionserkrankungen stark zunehmen. Die Subjekte der Gegenwart sehen sich einem omnipräsenten Beschleunigungs- und Steigerungsimperativ ausgesetzt und mit widersprüchlichen Anforderungen der Selbstdarstellung, -optimierung und -genügsamkeit konfrontiert, die praktisch nicht zu vereinbaren sind und ein überfordertes Subjekt hervorbringen.  5) Schließlich wird die Krisenhaftigkeit der Gegenwart und die Verdunkelung der Zukunft komplettiert durch eine neue Ungleichheit, die zum einen das moderne, für die Nachkriegsgesellschaften konstitutive Aufstiegsversprechen unplausibel werden lässt und zum anderen aufgrund der Anhäufung extremen Reichtums in den Händen weniger den demokratischen Gleichheitsgrundsatz fundamental unterläuft. Die neue Klassengesellschaft verfügt, wenn überhaupt, nur noch über eine unglaubhafte Erzählung über den individuellen Aufstieg durch Leistung.

Diese Konstellation spitzt sich zu einer Krise ungekannten Ausmaßes zu, als auch die traditionellen Strategien und Politiken der Krisenbewältigung fehlschlagen; zu beobachten ist vielmehr, wie diese an der Realität regelrecht ausfransen. Dem gegenwärtigen Aufstieg von Faschismus, nationalen Chauvinismen und Retrotopien können linke, progressive politische Akteure keine wirkungsvolle Antwort entgegenhalten, da die dominanten politischen, medialen, ökonomischen Systemlogiken strukturell den Entwurf utopischer Gesellschaften verhindern und bloß immer neue Krisen hervorzubringen scheinen. Die hiesigen politischen Parteien und ihr Personal etwa – zumindest theoretisch prädestinierte Orte der Zukunfts- und Utopieproduktion – sehen sich 1) einem kaum zu reparierenden Vertrauensverlust in der Bevölkerung, 2) einer kaum zusammenführbaren Fragmentierung von Öffentlichkeiten und sozialen Milieus, 3) einer medialen Aufmerksamkeits- und Polarisierungslogik und 4) den massiven Zwängen heutigen Regierens unter den Bedingungen globalisierter Gesellschaften, die eher mit dem Begriff des Krisenmanagements, denn mit dem Ideal der Gesellschaftsgestaltung erfasst werden, ausgesetzt. So sind sie zu neuen, großen utopischen Entwürfen schlicht nicht (mehr) in der Lage. 

Verschärfend tritt aus progressiver Perspektive die Situation hinzu, dass ihre theoretischen Bemühungen mit dem Aufstieg des Poststrukturalismus ihre utopische Kraft positiver Politikentwürfe eingebüßt haben. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in der linken politischen Theorie eine macht- und herrschaftskritische Perspektive erwachsen, die zwar die kritikwürdigen gesellschaftlichen Verhältnisse aufzudecken vermag, die auf ihre beeindruckenden Dekonstruktionen allerdings keine Rekonstruktionen folgen lässt. Sie verspürt schlechthin keinerlei Bedürfnis mehr, konstruktive Gesellschaftsentwürfe hervorzubringen und für deren Verwirklichung einzutreten. Emblematisch für diesen Abschied steht der Archipel Gulag. Die durchschlagende Kraft, die Alexander Solschenizyns Werk Mitte der 70er-Jahre entfaltete, wies den realisierten Kommunismus der Sowjetunion als autoritäres Regime aus, das, von der sozialistischen Utopie ausgehend, eine unmenschliche Terrorherrschaft errichtet hatte. Dieses Scheitern des realexistierenden Sozialismus an seinen eigenen emanzipativen Idealen muss als fundamentales Trauma begriffen werden, das eine enge Verbindung von politischer Macht und linker Intelligenz bis heute verunmöglicht.  Der Verlust theoretisch gesättigter progressiver Politikentwürfe und -strategien führt allerdings dazu, dass der gesellschaftlichen Linken keine plausiblen Gegenentwürfe zu jenen reaktionären Projekten mehr zur Verfügung stehen und ihre politischen Akteure an der Komplexität der gegenwärtigen Krisen zu scheitern drohen. 

Damit wird klar: Wir dürfen uns mit dem Fortschrittsverlust und der Verdunkelung der Zukunft nicht zufriedengeben! Denn die Demokratie lebt von der Hoffnung auf eine andere, nicht-vorbestimmte, bessere Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt. Es braucht Utopien, Erzählungen von einem besseren, schöneren, gerechteren Morgen und positive Gesellschaftsentwürfe, um Menschen langfristig für politische Projekte zu mobilisieren und zu begeistern. Die Klimabewegung als ein jüngeres prominentes Beispiel einer progressiven Bewegung, die zwischenzeitlich Millionen Menschen für sich gewinnen konnte, scheint doch vor allem auch daran gescheitert zu sein: dass sie über keine überzeugende, glaubhafte, positive Vision einer besseren Gesellschaft in der Zukunft verfügt, sondern mit dem Aufschieben der Apokalypse für sich zu mobilisieren sucht. Eine andere, bessere Welt wird allerdings erst dann möglich sein, wenn wir an ihre Möglichkeit glauben. Gerade weil die Zukunft nicht determiniert ist,  weil sie erst noch sein wird und nicht schon war, genauso wenig, wie sie jetzt schon ist, halten wir unverrückbar an dem Glauben an die Möglichkeit einer besseren Welt fest, sei es noch so unwahrscheinlich. 

Es kann dabei selbstverständlich nicht um einen Fortschritt gehen, wie ihn die Moderne seit ihrem Bestehen und in ihrer Entwicklung predigte und weiterhin predigt. Wir können nicht an einem Fortschrittsbegriff festhalten, der Fortschritt allein als quantitative Steigerung eines Guts versteht – als ein Mehr an Vermögen, Weltreichweite, individuellen Freiheitsgraden. Das führen uns die Krisen, in die uns eben jener modernistische Fortschrittsbegriff in jüngerer Vergangenheit und Gegenwart gebracht hat, deutlich vor Augen. Wir können nicht anstreben, einen Fortschrittsbegriff zu konservieren oder zu neuer Kraft zu verhelfen, der sich als selbstzerstörerisch und inhärent krisenhaft erwiesen hat. Stattdessen gilt es, einen Begriff zu entwickeln, der Fortschritt vielmehr versteht als qualitative Verbesserung, die durch den (stetigen) Neuentwurf des Status quo erreicht wird; oder aber als Nicht-Ort, der nicht in einem unglaubwürdig gewordenen Zukunftsentwurf gefunden werden muss, sondern der bereits in der Gegenwart in den Lücken und Leerstellen der modernistischen Gesellschaft zu finden ist. Schließlich aber ist ein nicht-modernistischer Fortschrittsbegriff selbst in der utopischen Praxis aufgehoben. Er muss der stetigen Kritik und Revision zugänglich bleiben und er unterliegt der fortgeführten Aushandlung. 

Der modernistische Fortschrittsbegriff versprach stetige Steigerung, die mittlerweile unwiederbringlich unplausibel geworden ist. Damit ist allerdings keineswegs gesagt, dass die Zukunft nicht jenseits eines Steigerungsimperativs besser werden kann. Dass das Unvorhergesehene passieren kann, dass Plötzlichkeit geschieht, dass eine bessere Welt oft schon als unerreichbar galt und dennoch immer wieder erreicht wurde, das gibt uns Kraft und Antrieb, an der Zukunft zu arbeiten. Hoffnung und utopischer Trotz sind daher die leitenden Prinzipien unseres Widerstands  in diesen Zeiten des Zukunftsverlusts. Die Demokratie ist auf diese offene Zukunft angewiesen, die immer wieder erkämpft werden muss und die es mit Leben zu füllen gilt. Und genauso sehr, wie die Demokratie darauf angewiesen ist, kann die Demokratie Quelle und Ausgangspunkt neuer Visionen und Utopien sein, indem sie Menschen dazu befähigt, sich einzubringen und mitzuentscheiden.

Um sich gegen das Verschließen der Zukunft durch reaktionäre Ideologien zu stemmen und Menschen wieder für emanzipative Politik zu gewinnen, braucht es wirkungsvolle Gegenentwürfe und begeisternde Utopien einer besseren Gesellschaft der Zukunft. Mit dem Scheitern des spätmodernen Kompromissangebots des grünen Kapitalismus und einer neuen rechten (Diskurs-)Hegemonie ist es für die demokratischen Kräfte an der Zeit, nicht die gesellschaftliche Polarisierung per se zu problematisieren, sondern dagegen richtig zu polarisieren: Wir müssen die Unzufriedenheit und Verunsicherung produktiv aufgreifen und in eine emanzipative, demokratische Richtung kanalisieren, an deren Horizont eine utopische Gesellschaft aufscheint.  

Es ist daher genau jetzt die Zeit für neue Utopien, die am Horizont der Gegenwart kraftvoll erstrahlen.

 

II. 

In einer Zeit narkotisierender TINA-Politiken und technokratischer ,Realpolitik‘ neoliberaler Provenienz hat die Utopie gleichwohl einen schweren Stand: Nicht nur lebensfern sei sie; wie das vergangene Jahrhundert gezeigt habe, führten Utopien auch nahezu zwangsläufig in den politischen Totalitarismus. Und tatsächlich drohen utopische politische Bewegungen, in der unbedingten Überzeugung, für eine andere, besser Welt zu kämpfen und damit auf der zweifellos richtigen Seite der Geschichte zu stehen, sich zu verschließen für Kritik, Reflexion und Selbstkorrektur, sodass das hehre Ziel einer neuen Gesellschaft mitunter sogar Gewalt rechtfertigt – und damit das eigentliche Anliegen einer gerechteren, friedlichen, vollkommeneren Welt hässlich und grausam ad absurdum führt. Diese historische Erfahrung gilt es denkbar ernst zu nehmen.

Emanzipatorische utopische Politik ist heute aufgrund dieses historischen Erbes einer grundlegenden Spannung ausgesetzt: Während utopische Politik ein konkretes Bild einer neuen, utopischen Gesellschaft zeichnen muss, an dem sie beharrlich festhält, um politische Kraft entfalten zu können, droht diese Beharrlichkeit gerade zu ihrem Verhängnis zu werden, indem sie in einen politischen Fundamentalismus umschlägt, der unreflektiert und rücksichtslos die eigenen Ziele zerstört. Utopische Politik positioniert sich mithin zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite eine radikale Dekonstruktion und postmoderne Herrschaftskritik, die sich gegen jede Kontingenzschließung und Etablierung einer neuen Ordnung als notwendig machtdurchwobene wehrt, aber in dieser permanenten Öffnungsanstrengung jegliche politische Überzeugungs- und Mobilisierungskraft einbüßt. Auf der anderen Seite steht eine totalitäre Politik, die aggressiv jede Kontingenz bekämpft und unfähig ist zur Revision, Selbstkritik und zur produktiven Irritation durch fremde Impulse. 

Aus dieser Spannung zwischen Öffnung und Schließung im Begriff der Utopie selbst bezieht das Forum Politische Kreativität (FoPoK) seine Kraft: 

Der Begriff der Utopie stiftet erstens das Selbstverständnis des FoPoK, indem dieses die innere Spannung des Utopischen in sich aufnimmt. Die Aktivität des FoPoK, die eine utopische Praxis zu stiften versucht, ist selbst ein utopisches Vorhaben. Sie verlangt sich ab, ständig in der Spannung von Öffnung und Schließung zu stehen und beide Bewegungen zu parallelisieren und auf Dauer zu stellen. Sie ist darin utopisch, stets erneut diesen unmöglichen Versuch zu unternehmen. Sie wird daran zu messen sein, inwiefern sie diese Spannung auszuhalten und in ein produktives Wechselspiel umzusetzen in der Lage ist. Die innere Spannung des Utopischen von Öffnung und Schließung wird in einer Praxis als Prozess vermittelt, den das FoPoK antreibt und durch den das FoPoK angetrieben wird.

Der Begriff der Utopie stiftet zweitens den Gegenstand der Aktivität. Das FoPoK fungiert als Plattform und Knotenpunkt, an dem sich politische, wissenschaftliche, künstlerische Akteurinnen treffen und dazu befähigt werden, utopische Entwürfe substanziell zu entwerfen. Das FoPoK wird damit zum Quell emanzipativer Gesellschaftsentwürfe, die sich reaktionären und faschistischen Politiken entgegenzustellen vermögen. Es ist Ausgangspunkt und Motor einer utopischen Produktion. Dieser Motor ist ein Prozessor der politischen Kreativität, die dem FoPoK Leben einhaucht.

 

III. 

Das utopische Denken erweist sich als Motor der gesellschaftlichen Emanzipation. In dem Versuch, eine Utopie als positiven Entwurf der emanzipierten Gesellschaft zu zeichnen, nimmt die utopische Praxis die Spannung zwischen Öffnung und Schließung in sich auf und stellt sie auf Dauer. Ihren Antrieb findet sie in der politischen Kreativität, deren Vermögen die Utopie grundiert. Die politische Kraft des utopischen Denkens speist sich aus einer Vielzahl von Potenzen, die durch die untrennbare Verbindung von politischer Kreativität und Utopien hervorgebracht werden:

Erstens entwerfen Utopien eine Position in die Zukunft, die sich als mächtige Aussichtsplattform erweist. Denn von ihr ausgehend wird es der utopischen Denkerin möglich, auf die Gegenwart zurückzuschauen und dieser Gegenwart, die noch die ihre ist, einen Sinn zuzuschreiben. In dieser vorweggenommenen Rückschau wird eine radikale Kritik des Status quo möglich, nachdem die Verheißungen der Zukunft so unmittelbar vor Augen stehen und einen Kontrast zur Gegenwart aufreißen. Von der futuristischen Position aus beschaut, erscheint die Gegenwart als sträflich überholt. Dabei muss die Kritik nicht bei der bloßen Negation, der Ablehnung des Status quo stehenbleiben. Stattdessen kann sie einen positiven, gehaltvollen Entwurf einer besseren Gesellschaft den kritikwürdigen Verhältnissen entgegenstellen. Indem das utopische Denken eine Zukunft entwirft, wird es dabei möglich, eine Entwicklung des Status quo zu zeichnen, von der sich ein konkreter Handlungsplan für politische Akteurinnen ableiten lässt. 

Zweitens setzen Utopien folglich Handlungsenergie frei. Nicht nur, weil sie einen gangbaren Weg aufzeigen, der, von ihrer futuristischen Position aus besehen, schon gegangen worden ist, sondern auch, weil eine emanzipierte Zukunft bereits in der Gegenwart affektiv erfahrbar wird. Utopien verschieben Zukünfte in die Gegenwart, die auch dank der ästhetischen Kraft von Literatur, Film und Gemälden, in denen sie sich ausdrücken, erlebbar sind. Die Utopistin lebt und erlebt schon so, wie sie es einmal tun wird. Ihre zukünftige Gegenwart ist gleichzeitig gegenwärtige Zukunft. Wird sie dann von ihrer Gegenwart eingeholt, erscheint deren noch-immer Bestehen als inakzeptabel. Die Utopistin wird in Abscheu, Ekel und Entsetzen vor dem Status quo einerseits und in Erwartung, Sehnsucht nach und Wissen um die Erreichbarkeit der Utopie andererseits ungeheuerliche Kräfte freisetzen. Aus der Erinnerung an die Zukunft speisen sich unheimliche Transformationsenergien.

Drittens wird es der Utopistin von jenem utopischen Standpunkt aus möglich, sich von den eingeschliffenen Rationalitäten und Systemimperativen ihrer Gegenwart weitestmöglich zu befreien. Sodann wird es ihr möglich, sich und die Gesellschaft frei zu entwerfen und wirklich Neues zu begründen. Indem Utopien sich als das Außen der Gegenwart erweisen, begründen sie alternative Logiken und Rationalitäten, die aus einer Verschränkung unterschiedlichster Perspektiven – Malerei, Film, Literatur, Philosophie – erwachsen und aus denen sich das utopische Denken speist. An die Stelle einer Rationalität von ökonomistischer Nutzenkalkulation oder logizistischer Welt- und Selbsterklärung etwa treten neue Erfahrungsräume. Die Utopie beschränkt sich nicht auf das Reich der guten Gründe, durch das sie sich zu rechtfertigen sucht. Sie bietet sich an als eine affektiv erfahrbare Andersartigkeit, die die klassisch modernen Rationalitätsräume durchbricht.

Um dies zu leisten, erschließt die politische Kreativität in der utopischen Praxis Erfahrungsgehalte, die (noch) nicht dem rationalen Denken zugänglich sind, dessen Sinngehalte sie aber infrage stellen können. Es handelt sich um Erfahrungsgehalte, die noch nicht der Versprachlichung zugänglich sind, allerdings einen künstlerischen Ausdruck etwa in Musik, Literatur und Gemälden finden können und die sich als Alternative zu unserer alltäglichen Erfahrungswelt präsentieren. Die moderne Gegenwartsgesellschaft wird hier mitunter von Sinngehalten eingeholt, die sie zu verdrängen versucht, da jene sie transzendieren. Die kreative Praxis, die jene Erfahrungsgehalte birgt, errichtet folglich ein Jenseits der überkommenen Ordnung, das sich andeutet, erfahrbar und realisierbar wird. 

Viertens vermögen Utopien die Demokratien neu zu beleben, deren Zukunftsverlust reaktionären, autoritären und faschistischen Kräften Nahrung bot – und sie werden selbst wiederum durch die demokratische Form eines politischen Systems gestärkt. Denn einerseits plausibilisiert die Utopie durch ihr ureigenes Wesen die Hoffnung und Möglichkeit einer anderen, besseren Zukunft. Sie artikuliert damit den demokratischen Grundsatz, dass die Menschen selbst und immer wieder aufs Neue über ihr eigenes Schicksal entscheiden und dieses gestalten können. Andererseits gewinnt die Utopie durch die demokratische Gesellschaft wiederum an Schlagkraft, nachdem sie im demokratischen Wettstreit der Ideen Legitimität erringen kann. Utopie und Demokratie stärken sich wechselseitig.

Fünftens bleibt die Utopie als ,idealer Entwurf‘ ständig im Fluss in Anbetracht einer flüchtigen Welt. Sie befragt in ständiger Selbstreflexivität, -revision und -kritik die eigene Adäquanz hinsichtlich einer unaufhörlichen Veränderung der Umstände, die um sie herum bestehen. Sie nutzt die Erfahrungsschätze, die sich unter historischer Entwicklung stetig anreichern und aktualisieren, um ihren Zukunftsentwurf zu justieren. Damit vermag sie zu vermeiden, ins Autoritäre, Totalitäre oder schlicht in die Überholtheit an der historischen Entwicklung, ins Ahistorische abzugleiten. Die Utopie hat somit unweigerlich Prozesscharakter.

Die politische Kreativität setzt dazu einen spielerischen Umgang mit der Wirklichkeit in Gang. In diesem vermag sie, die innere Spannung des Utopischen von Öffnung und Schließung aufzulösen, indem sie beide im gleichen Moment ermöglicht. Denn mittels der Fiktion entwirft sie eine eigene Welt, die sich als zweite Wirklichkeit neben die Alltagswirklichkeit setzt. Folglich erscheinen beide als geschlossen und als Wirklichkeiten, die je für sich Geltung beanspruchen können. Während sich hierin die Schließung vollzieht, kommt es unweigerlich zur Öffnung, nachdem das Nebeneinander und das gleichzeitige Bestehen zweier Wirklichkeiten auf die Alternativität der je einzelnen Wirklichkeit verweisen. Die Kreativität bringt somit Wirklichkeiten hervor, die neben der Alltagswirklichkeit erfahrbar werden, die Alltagswirklichkeit infrage stellen, ohne dabei selbst die Autorität der Alternativlosigkeit, die die Alltagswirklichkeit für sich in Anspruch nimmt, zu übernehmen.

Dieses Vermögen der utopischen Praxis erbringt sie also nur in ihrer immer-schon währenden Verbundenheit mit politischer Kreativität. Kraft ihrer überschreitet sie die Gegenwart und vermittelt die Spannung von Öffnung und Schließung. Wenn die Gegenwart, ihre politischen Akteurinnen und Konstellation nicht mehr zur Lösung ihrer Krisen in der Lage sind, erschließt die politische Kreativität überhaupt wieder Möglichkeitsräume zur künftigen Emanzipation. 

 

IV.

Aus dem hier entfalteten Verständnis von Utopie, utopischer Praxis und politischer Kreativität ergeben sich erste Qualifikationen einer utopischen Politik, die das FoPoK hervorzubringen und zu fördern beabsichtigt. Demnach konstituiert sich ein utopischer Politikmodus durch folgende Charakteristika:

Erstens rekurriert er zentral auf subjektive Erfahrungen, deren Gehalte Alternativräume aufspannen zu den unter dem Status quo für erschöpfend gehaltenen politischen Denk- und Handlungsoptionen. Er interessiert sich für Erfahrungen, die zu den etablierten, hegemonialen Deutungsmustern der gesellschaftlichen Wirklichkeit querstehen und die deren Notwendigkeit und Gültigkeit folglich in Frage stellen können. Solche subjektiven Erfahrungsgehalte verweisen auf ein Mehr an Möglichkeiten, die Gesellschaft politisch zu gestalten. Sie negieren aber nicht nur die proklamierte Notwendigkeit und Folgerichtigkeit des Status quo, sie stellen auch ein Reservoir von Selbst- und Welterfahrungen dar, die sich zu utopischen Gesellschaftsentwürfen ausformen lassen.

Zweitens fordert die so an Erfahrung interessierte utopische Politik die Geltung der gesellschaftlichen Pluralität von Erfahrung ein. Sie strebt danach, einer Vielzahl von unterschiedlichen Erfahrungsgehalten, Perspektiven und normativen Orientierungen zur Artikulation zu verhelfen. Denn sie geht davon aus, dass eine Förderung des Pluralismus den Erfahrungsraum vergrößert, aus dem sie ihre utopischen Entwürfe zu beziehen strebt. Ein Ideenreichtum, der Bedingung des utopischen Entwurfs ist, ist undenkbar ohne die Möglichkeit, eine Stimmenvielfalt zu hören. Ein besonderes Interesse bringt eine utopische Politik somit vor allem den Ausgeschlossenen, den Verstummten der Gesellschaft oder den zum Schweigen gebrachten Perspektiven entgegen. Bei ihnen verspricht sie sich, solche Erfahrungsgehalte zu finden, die den gesellschaftlichen Status quo am stärksten zu transzendieren vermögen. Sie strebt an, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Stimmen  zurück ins Zentrum zu setzen und sie dazu zu befähigen, ihre transformative Kraft freizusetzen.

Drittens schlägt eine utopische Politik Brücken zwischen unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft, zwischen Künsten, Wissenschaft und Politik, um ihre unterschiedlichen Denk- und Handlungsrationalität in eine produktive Spannung zu setzen. Sie geht davon aus, die Politik in ihren eingeschliffenen Routinen und Gewohnheiten nur irritieren und für eine utopische Praxis öffnen zu können, indem sie sie mit Wissenschaft und Kunst konfrontiert. Nachdem ein solcher Brückenschlag zwischen Politik und der – vor allem positivistischen – Wissenschaft über die letzten Jahrzehnte bereits erfolgt ist, verspricht sie sich, eine utopische Praxis durch den Einbezug der nicht-positivistischen Wissenschaften und vor allem den Küsten in Gang zu setzen.

Viertens strebt utopische Politik danach, die Responsivität des politischen Systems zu erhöhen, um auch eine systemimmanente utopische Praxis möglichst großer Beteiligung zu öffnen. Sie lässt einen republikanischen Geist wiederaufleben, der das gemeinsame politische Handeln gerade als Bedingung und Substanz des Utopischen in den Vordergrund stellt. Sie erprobt neue Institutionen, die das Politische der breiten Bevölkerung erschließen, anstelle es vollständig an spezialisierte Funktionsträgerinnen zu delegieren. Damit adressiert utopische Politik die Zivilbevölkerung, deren Korsett sie gegenüber dem politischen Prozess auflöst und das Utopische in ihrer Mitte situiert.

Fünftens fördert utopische Politik das Ent- und Bestehen experimenteller Lebensformen. In ihnen erkennt sie vorweggenommene Utopien inmitten des Status quo, die sich erproben und entwickeln. Sie erkennt sie als Keimzellen des Utopischen, die im Gewebe des Überkommenen heran- und auswachsen. Ihr Pluralismusgebot auf der Suche nach gegenwartstranszendierenden Erfahrungen tritt hier auf als eine Pluralität von Lebensformen, die wiederum Erfahrungen generieren, aus denen sich das Utopische speist. Das experimentelle Leben erweist sich selbst als eine utopische Praxis, die den Status quo zu brechen und einen Horizont alternativer Möglichkeiten aufzuziehen vermag.

Sechstens besteht eine utopische Politik auf eine umfassende Sicherung der materiellen Lebensgrundlagen, um überhaupt die Voraussetzung für all jene vorausgegangenen Bestrebungen zu schaffen. Denn wenn die alltäglichen Mühen und Herausforderungen, das Leben zu bestreiten, auch nur spezifischer gesellschaftlicher Gruppen zu groß sind, die Sorgen vor Abstieg und Verlust dominieren, ist es unmöglich, sich dem Gemeinwohl zuzuwenden, politisch kreativ zu werden und so die gegenwärtigen Verhältnisse zu transzendieren. Utopische Politik erkennt folglich die Sorge um jedes Individuum als Bedingung der utopischen Praxis und räumt ihr demnach höchste Priorität ein, ohne dabei die Arbeit an der Utopie auf einen Zeitpunkt aufzuschieben, zu dem sie eine ideale Gesellschaft für realisiert hält. Utopische Politik hält eine solidarische Gesellschaft für ihre eigene Bedingung, ohne diese Solidarität erst abwarten zu können.

 

Utopische Politik beginnt jetzt.

 

 

– Forum Politische Kreativität, Sep. 2025